WM 2018
32 Länder – ein Sieger. Im Juni 2018 stieg wieder das größte Event des Sommers: die Fußball-Weltmeisterschaft. An die kann ich mich nicht nur so gut erinnern, weil sie erst vor einem Monat zuende ging, sondern weil ich fast jedes Spiel gesehen habe.
Wie die WM 2018 zu meiner aktivsten wurde
Das Turnier begann mit dem Gastgeber Russland, doch ich hatte keine allzu großen Erwartungen. Ich rechnete zwar damit, dass sie gewinnen würden, aber maximal mit zwei Toren. Wie falsch ich doch liegen würde! Dabei hätte ich das Spiel fast nicht schauen können. Im letzten Moment fiel jedoch ein Termin aus, und ich bin froh darüber. Nach zwölf Minuten fiel bereits das erste Tor, und das war erst der Anfang. Kurz vor der Halbzeit baute Russland die Führung aus, womit sie meine Erwartungen bereits erfüllt hatten. Nach dem dritten Tor dachte ich, dass es bei diesem Endstand bleiben würde. Ich hoffte nur, dass sie kein Gegentor kassierten. Doch es war noch lange nicht vorbei. Es folgten kurz nacheinander ein viertes und fünftes Tor, und nach letzterem verschlug es mir endgültig die Sprache. Das Spiel ist nach wie vor eines meiner Highlights der WM. Was für ein Start!
Als ich im Vorfeld die Mannschaften in der Gruppe B gesehen habe, brach ich in lautes Gelächter aus. Mir war sofort klar, wer das Achtelfinale erreichen würde. Diese beiden Mannschaften spielten auch direkt gegeneinander: Spanien und Portugal, das iberische Derby. Da die portugiesische Mannschaft nicht die sympathischste ist, war ich auf Spaniens Seite. Vor zehn Jahren hatte meine Unterstützung für Spanien angefangen, doch ich war mir nicht sicher, ob es so bleiben würde. Ich hatte sie wegen eines bestimmten Spielers unterstützt und dieser war nicht mehr da. Auch meine Schwester musste sich daran gewöhnen, dass im Tor ein anderer stand als noch vor zehn Jahren. Seinetwegen war sie auf die spanische Mannschaft aufmerksam geworden, was den Beginn unserer Unterstützung für dieses Team markiert hatte. Von damals waren nur noch wenige Spieler übrig und an die neuen konnte ich mich nur schwer gewöhnen. Das Spiel war eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Als Portugal – ausgerechnet durch Cristiano Ronaldo – schnell in Führung ging, regte sie sich fürchterlich auf und beruhigte sich erst, als Spanien ausgleichen konnte. Doch CR7 war noch nicht fertig und erzielte ein weiteres Tor. Nach der Halbzeit legte Spanien zwei Tore nach – darunter ein wirklich sehenswerter Treffer –, und der Führungswechsel stimmte meine Schwester wieder positiver. In diesem Moment wünschten wir uns, dass der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, damit sich an diesem Spielstand nichts mehr änderte. Kurz vor Ende gelang CR7 – wem sonst? – jedoch noch der Ausgleich und meine Schwester wütete endgültig. Sie machte den Torwart dafür verantwortlich und wünschte sich den alten zurück.
Erstmals unterstützte ich bei einer WM auch Frankreich, die mir bei der vergangenen EM aufgefallen waren und denen ich den Sieg gewünscht hatte. Gegen Australien konnten sie jedoch noch nicht wirklich glänzen und hatten es einem Eigentor, welches erst nach dem Spiel als jenes gewertet wurde und nur knapp die Torlinie überquert hatte, zu verdanken, dass das Spiel nicht in einem Unentschieden endete.
Auch Island waren mir bei der EM aufgefallen und als Außenseiter drückte ich ihnen die Daumen. Erwartungsgemäß ging Argentinien in Führung, doch nur wenige Minuten später folgte der Ausgleich. Ich jubelte über Islands erstes WM-Tor, und lachte über den verschossenen Elfmeter. Welch irre Leistung des isländischen Torwarts!
Deutschland traf im ersten Spiel auf Mexiko. Meine Schwester ging zu einem Public Viewing und ich schaute das Spiel anfangs alleine. Obwohl ich nicht daran glaubte, hoffte ich, dass Deutschland verlieren würde. Auf das Gegentor reagierte ich daher mit Gelächter. In der zweiten Halbzeit kamen meine Eltern dazu, aber sie hätten nichts verpasst. Deutschland hatte verloren – und es war mir egal.
Am gleichen Abend spielte Brasilien gegen die Schweiz, und meine Schwester unterstützte unsere Nachbarn. Brasilien erzielte jedoch wenig überraschend schnell die Führung. In der zweiten Halbzeit konnte die Schweiz ausgleichen, was meine Schwester laut feierte. Am Ende blieb es beim Unentschieden. Nach Argentinien und Island eine weitere Überraschung.
Beim Spiel England gegen Tunesien sah ich nur noch das Führungstor in der letzten Minute. Mir fiel direkt die Ähnlichkeit des Namens des Torschützen mit dem Wort Hurricane auf, was mich zunächst wundern ließ, ob ich mich nicht vielleicht verhört hatte.
Bevor ich das Spiel Kolumbien gegen Japan anschaltete, wusste ich nur, dass beide Mannschaften bereits ein Tor erzielt hatten und Kolumbien nach einer roten Karte in Unterzahl waren. Als ich sah, dass Japan inzwischen in Führung gegangen war, war ich schockiert. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Am selben Tag spielte Russland gegen Ägypten und ging durch ein Eigentor in Führung. Sie konnten diese jedoch ausbauen und das Gegentor verschmerzen. Russland entwickelte sich allmählich zur Überraschung des Turniers.
Gegen Iran hatte ich auf einen deutlichen Sieg Spaniens getippt, doch ich musste langsam verstehen, dass es nicht mehr dasselbe Spanien wie vor acht Jahren war. Der Kommentator vergaß nicht zu erwähnen, dass sie bei der letzten WM in der Vorrunde ausgeschieden waren, woran meine Schwester und ich nicht erinnert werden wollten. Beim Tor handelte es sich augenscheinlich um ein Eigentor, doch dies wurde revidiert – was auf Papier ohnehin besser aussieht. Es folgte eine Schreckensminute, als Iran scheinbar den Ausgleich erzielte, doch zu unserer Erleichterung wurde es als Abseits gewertet. Die Iraner hatten sich zu früh gefreut. Es kam zu lustigen Szenen, als spanische Spieler auf den Ball eindroschen, der sich in den Händen des iranischen Torwarts befand. Wir atmeten auf, als bis zum Schlusspfiff kein weiterer Treffer folgte und Spanien sich somit den Sieg sichern konnte.
Im Spiel Frankreich gegen Peru passierte kaum etwas. Dank eines knappen Sieges sicherte sich Frankreich jedoch vorzeitig den Einzug ins Achtelfinale. Ich war überrascht, als Kroatien wenige Stunden später Argentinien deutlich besiegen konnte. Argentinien stand damit vor dem Aus, während Kroatien ein Ausrufezeichen setzte und sich zum Geheimfavoriten mauserte.
Eine weitere Enttäuschung folgte am nächsten Tag, als Island gegen Nigeria verlor. Zuvor hatte meine Schwester Nigeria unterschätzt und war sich sicher, dass Island gewinnen könnte. Einige Stunden zuvor hatte ich das Spiel Brasilien gegen Costa Rica in der Schlussphase verfolgt. Kurz vor dem ersten Tor ahnte ich, dass ein Treffer erzielt werden würde. Ich hatte es im Gefühl, und ich sollte Recht behalten. Die Nachspielzeit war bereits überzogen, da fiel ein weiteres Tor.
Das dritte Spiel des Abends, Serbien gegen die Schweiz, schaltete ich verspätet an. Serbien lag zu dem Zeitpunkt dank eines frühen Treffers bereits in Führung. Der Schweiz gelang es in der zweiten Halbzeit zunächst auszugleichen und kurz vor Ende das Siegtor zu erzielen, worüber wir uns sehr freuten. Das Verhalten der serbischen Zuschauer war wirklich inakzeptabel, die Niederlage geschah ihnen daher recht.
Am nächsten Tag wurde es für Deutschland Ernst. Die KO-Phase stand auf dem Spiel. Mir war es jedoch egal, ob wir ausscheiden würden. Insgeheim hoffte ich es sogar. Entsprechend gleichgültig reagierte ich auch auf das Gegentor. Eigentlich freute ich mich sogar, was ich jedoch nicht zeigte. Beim Ausgleich zeigte ich keine Regung, aber ein Punkt reichte noch nicht aus, um ins Achtelfinale einzuziehen. Ich reagierte gelassen, als Deutschland nach einer gelb-roten Karte in Unterzahl geriet. Meine Gelassenheit endete jedoch, als in der Nachspielzeit noch das entscheidende Tor fiel. Innerlich brodelte ich, doch das ließ ich mir nach außen nicht anmerken.
Historisches passierte am nächsten Tag im Spiel England gegen Panama. Letztere waren schon deutlich unterlegen, als ihnen die Sensation gelang: sie erzielten ihr erstes WM-Tor der Geschichte. Manche Zuschauer würden nur müde lächeln, wenn ihre Mannschaft im Rückstand ein Tor schoss. Nicht so Panama. Sie feierten, als hätten sie gerade die WM gewonnen. Die deutliche Niederlage interessierte danach wohl niemanden mehr. Auffällig waren auch die Trikots der Kolumbianer, die auf pinke Akzente setzten. Ihnen gelang ein souveräner Sieg gegen Polen – und das, obwohl sich ihr Torwart während des Spiels verletzte.
Für Russland und Uruguay ging es nur noch um den Gruppensieg, denn beide waren bereits für das Achtelfinale qualifiziert. Uruguay ging sehr früh in Führung, was ich jedoch erwartet hatte. Das zweite Tor ist für mich jedoch umstritten, da es als Eigentor gewertet wurde. Ich regte mich über diese Entscheidung furchtbar auf, denn für mich war es kein Eigentor. Die Aufregung war damit noch nicht vorbei. Ich schrie, als ein russischer Spieler die gelb-rote Karte gezeigt bekam und die Gastgeber in Unterzahl brachte. Russland wurde Gruppenzweiter und erwartete, falls nicht etwas Unerwartetes passieren würde, Portugal oder Spanien. Ich hoffte auf Portugal, da sie ein leichterer Gegner wären – das dachte ich zumindest.
Bereits am gleichen Tag entschied sich, wer gegen Russland spielen würde. Während des dritten Gruppenspiels Spaniens schwelgten meine Schwester und ich in Erinnerungen und dachten an alte Zeiten zurück. Wir fantasierten über die nächste Generation der Spanier mit den Kindern der alten Spieler. Es war ein Schock, als Marokko unerwartet in Führung ging. Nur wenige Minuten später folgte der Ausgleich und wir entspannten wieder etwas. Mit diesem Stand würde Spanien die KO-Phase erreichen. Manchmal wünschte man sich, dass ein Spiel früher endete, und das war auch dieses Mal so. Gegen Ende der zweiten Halbzeit holte Marokko sich die Führung zurück, doch Spanien war nicht in Gefahr, da parallel Portugal führte. In der Nachspielzeit erzielte Spanien noch den Ausgleichstreffer, der jedoch erst nach Überprüfung anerkannt wurde. Auch das andere Spiel endete unentschieden, wodurch Spanien Gruppensieger wurde. Somit trat genau der Fall ein, den ich nicht wollte. Russland und Spanien würden nach zehn Jahren wieder aufeinander treffen – eine emotionale Angelegenheit, hatte mit dem damaligen Spiel alles angefangen.
Frankreich und Dänemark zerstörten mit ihrem torlosen Unentschieden die Statistik, denn es war das erste – und einzige – Spiel ohne Tor. Sie hatten sich nicht genug bemüht, Frankreich hatte sich ohnehin schon qualifiziert und entspannt zurückgelehnt.
Das alles entscheidende letzte Gruppenspiel Deutschlands schaute ich alleine. Ich rechnete nicht damit, dass wir verlieren und akzeptierte, dass wir die KO-Phase erreichen würden. Doch Schweden erlangte parallel die Führung, womit ein Unentschieden nicht mehr ausreichte. Und lange Zeit sah es danach aus, als würde das Spiel unentschieden enden – bis zur Nachspielzeit. Der Treffer wurde nach Überprüfung auf abseits als legitim erklärt. Damit war es besiegelt: Deutschland würde in der Gruppenphase ausscheiden. Ich lachte hemmungslos, als ich diese Tatsache realisierte. Der zweite Treffer ins leere Tor, aus dem Neuer rausgerannt war, um seinen Kollegen zu helfen, versetzte Deutschland endgültig den Todesstoß. Uns ereilte dasselbe Schicksal wie zuvor Italien und Spanien. Titelverteidiger, die bei der nachfolgenden WM in der Gruppenphase scheiterten. Jetzt wussten die Deutschen, wie die Spanier sich vier Jahre zuvor gefühlt haben mussten. Wegen ihnen machte es mir auch nichts aus, dass wir ausgeschieden waren. Wenn Spanien die KO-Phase damals nicht erreichen konnte, hatte Deutschland es auch nicht verdient.
Für Lacher sorgten die Belgier in ihrem letzten Gruppenspiel gegen England. Nach dem Siegtreffer kam es zu einer Panne während des Torjubels, bei dem sich ein belgischer Spieler selbst abschoss, indem der Ball am Pfosten abprallte und sein Gesicht traf.
Skandalös war das Verhalten der Japaner, die sich trotz Rückstand den Ball nur zuspielten anstatt zu versuchen, ein Tor zu schießen. Durch Kolumbiens Führung im Parallelspiel überholten sie Senegal in der Tabelle und waren somit im Achtelfinale. Dabei qualifizierten sie sich nur dank der neu eingeführten Fair-Play-Wertung, da sowohl die Punktzahl als auch Tordifferenz mit Senegal identisch war. Fair Play sieht jedoch anders aus.
Die KO-Phase begann direkt mit einem Knall. Frankreich erzielte durch einen Elfmeter die Führung und konnte dieses Ergebnis dreißig Minuten lang halten, ehe Argentinien der Ausgleich gelang. Zu meinem Entsetzen gingen sie nach der Halbzeit in Führung und ich bereitete mich auf Frankreichs mögliches Ausscheiden vor. Mein Vater beruhigte mich mit den Worten, dass noch alles möglich wäre. Wie Recht er damit haben würde, zeigte sich Minuten später. Ein unglaubliches Tor brachte zunächst den Ausgleich. Kurz darauf folgten zwei weitere und ich war begeistert. Gegen Ende des Spiels zeichnete sich ein argentinischer Spieler durch Fehlverhalten aus, was zu Verzögerungen führte. Argentinien traf ein drittes Mal und hätte ausgleichen können, doch dazu kam es nicht und so bejubelte ich Frankreichs Einzug ins Viertelfinale.
Zwischen Uruguay und Portugal entschied sich, wer ihr Gegner sein würde. Cristiano Ronaldos Geste, einem uruguayischen Spieler vom Platz zu helfen, nachdem dieser sich verletzt hatte, überraschte mich. Das hätte ich ihm nicht zugetraut! Am Ende musste er trotzdem Portugals Ausscheiden hinnehmen – ausgerechnet durch ebenjenem Spieler.
Am nächsten Tag kam es nach der EM 2008 zum erneuten Aufeinandertreffen von Russland und Spanien. Ich wusste nicht, auf wessen Seite ich mich stellen sollte, löste dieses Spiel doch soviel Emotionen in mir aus. Unverweigerlich kamen wir auf Spaniens alte Mannschaft zu sprechen. Während meine Schwester aufs Neue betonte, wie sehr sie den alten Torwart vermisste, sehnte ich mir einen anderen Spieler herbei: die legendäre Nummer 7. Erst Wochen später erfuhr ich, dass er nicht aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war und sogar für die WM in Betracht gezogen worden war. Ich hätte absolut nichts dagegen gehabt... Mit ihm hätten die Spanier wenigstens jemanden gehabt, der Tore schießen kann. Der Führungstreffer war nicht ihr eigener Verdienst, sondern ein Eigentor der Russen, auch wenn die Spanier und der vermeintliche Torschütze das nicht so Recht verstehen wollten. Das Gegentor hatten sie zu verschulden, nachdem einer der verbliebenen Weltmeister, Piqué, einen Elfmeter verursachte. In der zweiten Halbzeit hatte ich Grund zur Freude: Silva wurde ausgewechselt, was ich frenetisch feierte. Hach, wie sehr ich seinen Namensvetter doch vermisste... Dort passierte jedoch nichts weiteres und somit ging es in die Verlängerung, die jedoch ohne Torerfolg blieb. So kam es zum Elfmeterschießen, und obwohl meine Schwester sich eins gewünscht hatte, wollte sie nicht, dass es in diesem Spiel passierte. Meine Mutter wollte gar nicht hinsehen und versteckte sich vorsorglich unter einer Decke. Das war jedoch nicht nötig, denn die Russen verwandelten sicher – oder der Torwart war zu schlecht, um einen Treffer zu parieren. Für meine Schwester wahrscheinlich letzteres. Beim letzten Schuss der Spanier übersah ich zunächst das ausgestreckte Bein und dachte, er hätte daneben geschossen. Erst in einer Wiederholung sah ich es – und diese Parade erinnerte mich an die eines gewissen Torwarts im Finale der WM 2010. Sogar der Jubel war ähnlich. Die Sensation war perfekt: Russland hatte tatsächlich Spanien geschlagen! Ich freute mich für Russland, Spanien war einfach nicht mehr das, was es einmal war. Meine Schwester ließ kein gutes Haar an ihrem Torwart und war der Überzeugung, dass es mit Casillas nicht passiert wäre. Er hätte es nicht verdient, die Nummer 1 zu tragen, am liebsten sollten sie dieses Trikot nicht mehr vergeben, da es keinen würdigen Nachfolger geben würde. Wenn wir schon einmal dabei sind, sollten sie auch die Nummer 7 streichen, aus gleichen Gründen.
Fulminant begann das Spiel Kroatien und Dänemark. Es ging alles so schnell, dass ich gar nicht verstand, was passiert war. Nach vier Minuten hatten beide Mannschaften bereits ein Tor erzielt. Dabei blieb es auch bis zum Ende der zweiten Halbzeit... Und auch nach der Verlängerung. Zum zweiten Mal in Folge musste das Elfmeterschießen entscheiden. Dieses gewann wie erwartet Kroatien, wobei Dänemarks Sieg sicher eine Sensation gewesen wäre. Und Überraschungen gab es bei dieser WM ohnehin genug...
Belgien gelang gegen Japan eine spektakuläre Aufholjagd. Nachdem Japan überraschenderweise in Führung gegangen war, glich Belgien innerhalb von Minuten aus. Alles sprach für Verlängerung, doch bevor es soweit kommen konnte, erzielte Belgien den Siegtreffer. Lustige Torjubel wie gegen England blieben dieses Mal jedoch aus.
England ging nach einem Elfmeter in Führung und lange Zeit sah es danach aus, dass es der Endstand sein würde. Doch Kolumbien gelang in letzter Minute der Ausgleich, was Verlängerung bedeutete. In dieser spielte sich eine kuriose Szene ab: Ein kolumbianischer Spieler lief ungehindert aufs gegnerische Tor zu und traf. Die kolumbianischen Zuschauer rasteten schon aus, da pfiff der Schiedsrichter. Zunächst dachte ich, es wäre abseits und deshalb ungültig. Ich musste aufgrund der Reaktion der Zuschauer jedoch lachen und konnte mich minutenlang nicht beruhigen. Erst später verstand ich, was wirklich passiert war. Der Schiedsrichter hatte fälschlicherweise angenommen, es wären zwei Bälle im Spiel gewesen und deswegen gepfiffen. Es befand sich jedoch nur ein Ball auf dem Feld, das Tor war also legitim. Dadurch blieb es beim Unentschieden und zum dritten Mal kam es zum Elfmeterschießen. England sorgte dabei für die nächste Sensation, indem sie erstmals gewannen. Ich hatte allerdings Mitleid mit Kolumbien, die (vielleicht) um den Sieg gebracht worden waren.
Das erste Viertelfinale trugen Frankreich und Uruguay unter sich aus. Frankreich ging in Führung und konnte diese in der zweiten Halbzeit ausbauen, auch wenn das zweite Tor nicht gewollt und einem Torwartfehler zu verschulden war. Wenn man keinen Treffer erzielen möchte, warum schießt man dann in Richtung Tor? Der Torschütze jubelte nicht, da er das Land Uruguay verehrt und mit einigen der Spieler gut befreundet ist. Am Ende konnte er sie nur trösten, und Frankreich zog ins Halbfinale ein.
Zum ersten Mal war meine Schwester auf Brasiliens Seite, was daran lag, dass ihr Torwart deutsche Vorfahren hat und sie den „letzten Deutschen“ unterstützen wollte. Als wir einschalteten, lag Belgien allerdings bereits in Führung, und das ausgerechnet durch ein Eigentor Brasiliens – ein Déjà-vu von 2014. Belgien erhöhte wenig später mit einem zweiten Treffer. In der zweiten Halbzeit kam es zu einer umstrittenen Entscheidung, als der Schiedsrichter Brasilien einen klaren Elfmeter verwehrte. Doch das motivierte die Brasilianer anscheinend, die einen Anschlusstreffer erzielen konnten. Mit dem nicht gegebenen Elfmeter hätte es unentschieden stehen können, so ging Belgien als Sieger hervor. Es war, als hätten sich die Schiedsrichter gegen südamerikanische Mannschaften verschworen, denn mit Brasiliens Ausscheiden waren nur noch europäische Mannschaften vertreten und die WM wurde zur EM.
Im letzten Viertelfinale hieß es Daumen drücken für Russland, auch wenn ich ihnen keine großen Chancen ausrechnete. Ich quiekte, als sie wider Erwarten doch in Führung gingen. Ein wunderbares Tor! Doch leider hielt die Freude nicht lange, denn der Gegner lautete Kroatien und die hatten bereits einmal einen Rückstand aufgeholt. So auch dieses Mal. Bis zum Ende der zweiten Halbzeit blieb es bei diesem Endstand und so ging es wieder einmal in die Verlängerung. Nachdem Kroatien in Führung gegangen war, dachte ich eigentlich, dass jetzt die Vorentscheidung gefallen wäre. Auf ein Elfmeterschießen hatte ich nicht wirklich Lust. Doch dann geschah das, was wir für unmöglich hielten: Russland glich aus und so kam es leider doch zum gefürchteten Elfmeterschießen! Sie verloren, aber ich reagierte gelassen, schließlich hatte ich mit einem Sieg Kroatiens gerechnet und sie waren weiter gekommen, als jeder erwartet hatte, was bereits ein Riesenerfolg war.
Die erste Hälfte des Halbfinals Frankreich gegen Belgien verlief relativ unspektakulär und endete torlos. Zu Beginn der zweiten Halbzeit bescherte ein Kopfballtor Frankreich die Führung, worüber meine Schwester und ich uns sehr freuten. An dem Spielstand änderte sich nichts mehr, womit Frankreich als erster Finalist feststand.
Vor dem zweiten Halbfinalspiel England gegen Kroatien war ich fest davon ausgegangen, dass zwei ehemalige Weltmeister das Finale unter sich austragen würden. Das schien sich zu bestätigen, als England mit einem Freistoß früh in Führung ging. Doch die Kroaten wussten mit einem Rückstand umzugehen und glichen in der zweiten Halbzeit aus. Zum dritten Mal in Folge spielte Kroatien eine Verlängerung, was ihnen jedoch nichts auszumachen schien. Sehr zu unserem Entsetzen erzielte Kroatien den entscheidenden Treffer, womit sie entgegen meiner Erwartung ins Finale einzogen. Zuvor hatte ich nur zwei Spiele in der KO-Phase falsch getippt. Während des Spiels huldigte ich Spanien, die auf den Tag genau vor acht Jahren erstmals den Titel gewonnen hatten.
Im Spiel um Platz 3 trafen Belgien und England nach der Gruppenphase erneut aufeinander und beide Spiele hatten etwas gemeinsam: den Sieger. Belgien holte sich die Bronzemedaille, ihr bestes Ergebnis bei einer WM.
Frankreich hatte gegenüber Kroatien den Vorteil, dass sie keine Verlängerung gespielt hatten. Das ließ die Vermutung nahe liegen, dass sie erholter waren, zumal sie einen Tag länger Pause hatten. Es war das erste Finalspiel, das ich im Fernsehen verfolgte und ich hoffte, dass ich am Ende mit dem Sieger zufrieden sein würde. Ich begann, einige Fakten aufzuzählen, unter anderem, dass noch nie ein Eigentor in einem Finale erzielt wurde – ein Fakt, der kaum zwei Minuten später nicht mehr zutreffen würde. Als wir feststellten, dass Frankreichs Führungstreffer nach einem umstrittenen Freistoß ein Eigentor war, brachen wir daher in Gelächter aus. Es war, als hätte ich es heraufbeschworen. Auch der Kommentator sah ein Ereignis voraus, als er betonte, dass Kroatien Rückstände aufholen kann. Wenig später folgte tatsächlich der Ausgleich und ich wurde nervös. (Ich habe während dieser WM festgestellt, dass ich unentschieden hasse.) Eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung sorgte dafür, dass Frankreich sich die Führung zurückholte. In der zweiten Halbzeit brachten zwei weitere Tore die Vorentscheidung. Ein unnötiger Gegentreffer nach einem Torwartfehler konnte dem Sieg nicht mehr gefährlich werden. Am Ende hatte ich allen Grund zur Freude, denn erstmals seit acht Jahren gewann die Mannschaft im WM-Finale, die ich favorisierte. Einen Regenschauer hatte es so vorher noch nicht während eines Finales gegeben, auch wenn bei der Siegerzeremonie einiges schiefging. Die Kritik, dass der Schiedsrichter Frankreich geholfen hatte, konnte ich nicht nachvollziehen. Selbst wenn man die angeblich unrechtmäßigen Tore annullierte, hätte Frankreich gewonnen – da davon auszugehen ist, dass bei dem Spielstand dem Torwart kein Fehler passiert wäre. Vielleicht bin ich hier auch etwas voreingenommen, da ich die kroatische Mannschaft unsympathisch fand und ich ihnen den Sieg nicht gegönnt hätte. Die unsympathischste Mannschaft, die Niederlande, hatte sich nicht qualifiziert – diese Schadenfreude! Nun hatten beide jeweils ein Finale verloren gegen die Mannschaften, die ich unterstützte. Vielleicht soll der Club der Weltmeister, der acht Länder beinhaltet, klein bleiben. Frankreich ist nun das dritte Land mit zwei Titeln – gemeinsam mit Argentinien und Uruguay, dem Achtel- und Viertelfinal-Gegner. Nur England und Spanien haben weniger. Wer von den beiden wird sich ihnen als erstes anschließen?
Ich habe von fast jedem Spiel mindestens eine Minute gesehen, und von den KO-Spielen habe ich keins verpasst. Noch nie hatte ich eine WM so aktiv mitverfolgt, und das obwohl mein eigenes Land in der Vorrunde ausgeschieden war. Doch vielleicht war gerade das der Grund, warum ich nicht aufhören konnte. An diese WM werde ich mich in ein paar Jahren noch gut erinnern können – als erste WM, die ich fast vollständig verfolgt hatte.