WM 2014

Juni 2014. Noch war ich guter Dinge, was die Weltmeisterschaft betraf. Doch schon bald entwickelte sie sich zu einem Albtraum. Es war eine WM zum Vergessen, an die ich nicht gerne zurückdenke. War 2010 noch meine am meisten geliebte WM, mochte ich diese mit Abstand am wenigsten.

Warum ich die WM 2014 am liebsten vergessen würde

Die WM begann mit einer faustdicken Überraschung: Dem Gastgeber Brasilien unterlief ein Eigentor, das zudem das erste des Turniers war. Brasilien, dem Rekordsieger, dem fünffachen Weltmeister! Es klang wie ein schlechter Scherz. Nur, dass es keiner war. Für ein Land wie Brasilien war es natürlich eine große Blamage, und dann auch noch im eigenen Land. Mit einem Sieg konnten sie dieses peinliche Missgeschick jedoch wiedergutmachen.

Bereits am nächsten Tag folgte die nächste Blamage. Leider traf es jedoch genau die Mannschaft, der ich es am wenigsten wünschte: den amtierenden Weltmeister Spanien. Ihr Gegner war ausgerechnet der, gegen den sie 2010 noch gewinnen konnten. Wären mir die Niederländer nicht schon unsympathisch genug, wären sie es nach diesem Spiel entgültig gewesen. Das Spiel hatte ich wie das Finalspiel 2010 nicht verfolgen können, im Gegensatz zu damals war ich darüber im Nachhinein jedoch froh. Ich hätte es nicht ertragen können und mich nur aufgeregt. Das einzige, was ich hörte, waren die Schreie meiner Schwester. Ihre Beschwerde darüber, dass ein Tor nicht zählen dürfe. Wie schlimm es wirklich war, erfuhr ich erst am nächsten Tag und ich konnte es gar nicht glauben. Ich hatte geahnt, dass sie verloren hatten, nicht aber, dass es eine so große Niederlage war. Aber Spanien hatte vier Jahre zuvor auch sein erstes Spiel verloren und trotzdem den Titel gewonnen. Zwei Spiele standen ihnen noch bevor, und ich war optimistisch, dass sie es schaffen würden. Optimismus war jedoch noch nie mein Freund gewesen...

Von da an war meine Stimmung getrübt. Deutschlands Dauergegner Portugal erwartete uns im ersten Gruppenspiel. Erinnerungswürdig war das Foul von Pepe an Thomas Müller, der mit einer roten Karte bestraft wurde. Leichte Schadenfreude spielte daher mit, als Portugal deutlich verlor. 

Erstmals seitdem wir Fußball-Weltmeisterschaften verfolgten, nahm Russland teil. Somit unterstützten wir erstmals drei Mannschaften bei einer WM. Am Ende musste sich Russland jedoch mit einem Unentschieden begnügen. Dabei hatten sie den Ausgleichstreffer erzielt und somit eine Niederlage abgewandt. 

Am nächsten Tag fand das zweite Spiel Spaniens statt, das ich aus terminlichen Gründen nicht schauen konnte. Es war ein trauriger Tag, der sich durch die Nachricht, dass Spanien in Rückstand lag, nicht verbessern konnte. Ich hoffte, sie könnten das unmögliche vollbringen und zumindest noch ein Unentschieden erzielen. Doch am Ende war es traurige Gewissheit: Spanien war ausgeschieden! Ich konnte es nicht fassen und war untröstlich. Das hatten sie definitiv nicht verdient. Die WM war für mich ab diesem Zeitpunkt gelaufen. Ich sah keinen Sinn mehr darin, sie weiter zu verfolgen. Doch da Deutschland noch im Rennen war, musste ich wohl oder übel durch...

Deutschland traf zum zweiten Mal in Folge in einer WM auf Ghana. Hatten wir 2010 noch gewinnen können, endete dieses Spiel unentschieden. Vier Punkte waren eine gute Voraussetzung, um das Achtelfinale zu erreichen, aber die Lust an der WM war mir schon längst vergangen. Ich trauerte immer noch um Spanien und hoffte, dass es alles vielleicht nur ein Traum war.

Russlands Spiel trug nicht gerade zur Verbesserung meiner Stimmung bei. Nach einer knappen Niederlage stand auch Russland vor dem Aus. Aber mittlerweile war mir alles egal geworden. Wer die WM gewinnen würde. Ob Deutschland in der KO-Phase ausscheiden würde. Einfach alles.

Spaniens unbedeutendes Spiel gegen Australien war das einzige, das ich verfolgte. Ich schaute mit meiner Schwester einen Stream auf dem Computer, da im Fernsehen das Spiel meiner beiden Hassmannschaften Niederlande und Chile übertragen wurde. Und siehe da – der Trainer setzte endlich die richtigen Spieler ein. Doch leider kam das Umdenken zu spät. Ich fragte mich die ganze Zeit, warum er nicht von Anfang an auf diese Spieler gesetzt hatte. Es hätte alles anders kommen können... Ich war verärgert, dass er den besten Spieler, die legendäre Nummer 7, erst jetzt spielen ließ. Dass er den Unterschied  in den ersten beiden Partien hätte machen können, bewies er zugleich mit einem absoluten Traumtor. Es war eines der schönsten, vielleicht auch das schönste Tor, das ich je gesehen habe. Als wäre es nicht schon traurig genug, dass Spanien ausgeschieden war und nur noch um die Ehre spielte, erlaubte sich der Trainer als absolute Krönung die Frechheit, ihn auszuwechseln. Als ich das gesehen habe, bin ich regelrecht ausgerastet! Es war sein letztes WM-Spiel! Ihn auszuwechseln, war unangebracht und respektlos. Dass er ein Tor erzielen konnte, war nur ein schwacher Trost. Als er dann auch noch zu weinen anfing, zerriss es mir endgültig das Herz. Spanien beendete die WM versöhnlich mit einem Sieg, aber das konnte meine Laune nur kurz heben. Ich war wütend auf den Trainer, den ich für das Scheitern verantwortlich machte. Was hatte er sich dabei gedacht, ihn nicht seit dem ersten Spiel eingesetzt zu haben? Es war eine absolute Fehlentscheidung, und das Spiel gegen Australien war Beweis genug. Ich werde es nie verstehen.

Wie der beste Spieler um die WM betrogen wurde

Als ich erfahren habe, dass der Held der WM 2010, die legendäre Nummer 7, nach seiner verletzungsbedingten Pause bei der letzten EM zurückkehren würde, habe ich mich so gefreut. Meine Freude erhielt allerdings einen Dämpfer, als ich merkte, dass er bei dem ersten Spiel nicht zum Einsatz kam. Das erklärte allerdings zumindest die hohe Niederlage. Sie hätte Del Bosque zum Umdenken bringen müssen, doch gegen Chile spielte er mit derselben Startelf. Wer weiß, wie es für Spanien gelaufen wäre, hätte er von Anfang an mit der B-Mannschaft, die gegen Australien zum Einsatz kam, gespielt... Er hätte definitiv seit dem ersten Spiel oder spätestens gegen Chile auf dem Platz stehen müssen. Als Rekordtorschütze Spaniens hatte er bereits Legendenstatus erreicht. Ihm fehlt aber leider nach wie vor der zweite Europameister-Titel, den er verdient hätte. Die EM konnten sie zwar ohne ihn gewinnen, worüber ich immer noch verwundert bin, die ersten beiden Spiele haben jedoch gezeigt, dass sie ihn brauchen. Es muss etwas heißen, dass sie nur das Spiel gewonnen haben, in dem er zum Einsatz kam. Ohne ihn haben sie Schwierigkeiten zu gewinnen – die EM 2012 lasse ich jetzt mal außenvor – und die WM ist der beste Beweis. Er hatte 2010 die Mehrheit der Tore erzielt und somit einen großen Teil zu ihrem Erfolg beigetragen, und zum Dank setzt der Trainer ihn auf die Bank? Er sollte ihm dankbar sein, denn ohne ihn hätten sie niemals das Halbfinale erreicht. Aber daran denkt keiner mehr, alle loben nur Iniesta, weil er das Siegtor geschossen hat. Er bekam viel zu wenig Anerkennung für das, was er geleistet hat, und der fehlende EM-Titel trug sicherlich einen Teil dazu bei. Sogar Torres erhielt mehr Zuspruch, obwohl seine Leistung seit der letzten WM stark nachgelassen hatte. Es ist leider Fakt, dass er zu den unterbewertetesten Spielern gehört. Er verdient so viel mehr. Nicht umsonst ist er der Rekordtorschütze, was allein schon Grund genug war, ihm eine Chance zu geben. Er mag keine Tore in der Qualifikation geschossen haben, und nach seiner Verletzung – ernsthaft, wer sind diese Idioten, die ihn gefoult haben? – traf er nicht mehr so häufig wie davor, aber das ist doch kein Grund, ihn auf die Bank zu setzen. Vielleicht hätte VDB ihn von Anfang an aufstellen lassen, wenn er der Siegtorschütze gewesen wäre – Iniesta spielte schließlich in den ersten beiden Partien. Er hatte nie die Chance, ein Tor in einem Finale zu erzielen. 2008 hatte er sich verletzt, 2010 hatte er viele Möglichkeiten und wurde unverständlicherweise ausgewechselt, 2012 fiel er ganz aus und beim Konföderations-Pokal 2013 wurde er erst spät eingewechselt. Eines von vielen Dingen, die ihm nicht vergönnt wurden. Das  Siegtor bei der EM 2008 wiederum mag der Grund sein, warum Torres für die letzte WM berufen wurde, obwohl er nicht in Bestform war.

Del Bosque hat einen absoluten Fehler begangen, ihn auf der Bank gelassen und die B-Mannschaft nicht seit dem ersten Spiel als Startelf aufgestellt zu haben. Er hätte ihn gegen die Niederlande auch einwechseln können, aber spätestens gegen Chile hätte er ihn spielen lassen müssen. Kaum durfte er spielen, gewannen sie, was bewies, dass sie ohne ihn schwächer sind. Wie sollte es erst werden, wenn er nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen würde? Er hatte im Vorfeld angedeutet, nach der WM zurückzutreten, eine Nachricht, die mir das Herz brach. Sein Treffer gegen Australien war sein neuntes WM-Tor, nur eins fehlte ihm, um die zehn zu knacken. Mit zehn Toren hätte er seinen Legendenstatus zementieren können, aber auch das war ihm leider nicht vergönnt. Diesen Meilenstein hätte er erreichen können, wenn er 2010 nicht den Elfmeter verschossen oder im Finale getroffen hätte. Vielleicht sogar, wenn er gegen die Niederlande oder Chile gespielt hätte, aber das können wir nicht wissen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, schließlich hat er in seinem einzigen Spiel ein Tor erzielt. Neun Tore sind aber immerhin mehr, als Messi und Cristiano Ronaldo erzielt haben. Wer ist hier die wahre Legende? Im Gegensatz zu ihm wurden sie noch nicht einmal Weltmeister.

Er hat definitiv ein schöneres Ende für seine letzte WM verdient. Sie endete immerhin mit einem Sieg, aber er war so kurz vor 100 Länderspielen, 10 WM- und 60 internationalen Toren. All das hätte er erreichen können, wäre die Verletzung nicht gewesen, die ihn für ein halbes Jahr verhinderte. Allein die Vorstellung, wie viele Tore er bei der EM hätte erzielen können... (Die drei Tore von Torres hätte er überbieten können.) Es ist einfach traurig. Nicht, dass ich unbedingt wollte, dass Spanien ihren Titel verteidigt – obwohl ich dazu sicherlich nicht Nein gesagt hätte –, aber zumindest das Viertelfinale hatte ich ihnen gewünscht. Oder das Halbfinale und dann das Spiel um Platz 3. Ich bin mir sicher, dass sie zumindest das Viertelfinale hätten erreichen können, wenn er hätte spielen dürfen. Nicht der Torwart oder die Verteidigung trugen die größte Verantwortung – sondern der Trainer!

Warum ich gegen Deutschland war

Für Deutschlands letztes Gruppenspiel gegen Amerika schleppte meine Schwester mich zu einem Public Viewing. Es war das erste Mal, dass ich ein Spiel in der Öffentlichkeit schaute. Allerdings schaute ich eher lustlos zu und verstand daher nicht, was passiert war, als die Leute um mich herum aufsprangen. Deutschland war in Führung gegangen, aber es interessierte mich nicht. Eigentlich hatte ich die WM boykottieren wollen.

Russland war meine letzte Hoffnung. Sie mussten das Spiel gewinnen, um in die KO-Runde einzuziehen. Tatsächlich gingen sie zunächst in Führung, was mich immerhin etwas tröstete. Was dann jedoch folgte, war an Unsportlichkeit kaum zu überbieten. Kurz vor einem Elfmeter für Algerien wurde der russische Torwart mit einem Laserpointer angestrahlt. Folglich konnte er den Ball nicht halten und es kam zum Ausgleich. Bei diesem Endstand würde es auch bleiben, womit auch Russland ausgeschieden war. Vielleicht war es aber auch besser so. Denn so würden sie im Achtelfinale nicht gegen Deutschland antreten müssen. Das hätte ich, wie schon Spaniens  Niederlagen, nicht ertragen können.

Da mich die WM seit Spaniens Ausscheiden nicht mehr interessierte, verfolgte ich kaum ein Spiel. Wenn ich es tat, war es Zufall. Dabei fielen mir die Kolumbianer auf, denen ich heimlich die Daumen zu drücken begann. Im Spiel Uruguay gegen Italien kam es zu einem Skandal, was ich jedoch nur in den Nachrichten gesehen hatte. 

Im Achtelfinale traf Deutschland zum Glück nicht auf Russland, sondern auf Algerien. Ob ich das Spiel mitverfolgt habe, weiß ich nicht mehr. An die Tore kann ich mich jedenfalls nicht mehr erinnern. Vielleicht war ich aber auch zu desinteressiert, um es zu merken. Immerhin war Chile ausgeschieden. Wenigstens etwas. Wäre Spanien Gruppenzweiter geworden, hätten sie gegen Brasilien spielen müssen. Wahrscheinlich wären sie dann ausgeschieden.

Beim Viertelfinale weiß ich jedoch genau, dass ich es nicht gesehen habe. Insgeheim hoffte ich, dass Frankreich sich den Sieg holen würde, doch dem war nicht so. Das Viertelfinale zwischen Brasilien und Kolumbien verfolgte ich durch Zufall. Brasilien lag bereits in Führung, der Elfmeter für Kolumbien war nur noch ein Ehrentreffer. Ich fand es wirklich lobenswert, wie die Brasilianer sich nach dem Ende der Partie verhalten haben. Sie zollten dem Gegner und vorallem dem Nachwuchs-Star James, dem späteren Torschützenkönig des Turniers, Respekt. Auf seinem Arm fand zwischenzeitlich eine riesige Heuschrecke Platz. Meine Schwester und ich hatten seinen Namen anfangs Englisch ausgesprochen und es aus Gewohnheit beibehalten. Wir würden später zwischen der (richtigen) spanischen und der englischen Aussprache wechseln, bevorzugten jedoch die letztere.

Spätestens beim Halbfinale verlor ich jegliche Sympathien für unsere Mannschaft. Was sie sich leisteten, war einfach respektlos. Es geht doch in der KO-Runde nicht mehr darum, wie viele Tore man erzielt. Ein 1:0 reicht vollkommen, fragt die Spanier, die haben so die WM gewonnen. Die Brasilianer taten mir einfach nur noch Leid, auch wenn ich damit alleine dastand. So im eigenen Land besiegt zu werden, hatten sie nicht verdient. Ich wünschte ihnen regelrecht, dass sie noch ein Tor schossen. Das einzig gute an diesem unverschämten Ergebnis war, dass Spanien nicht mehr die höchste Niederlage erlitten hatte. Ich wollte von diesem Tag an nur eins: Dass Deutschland nicht Weltmeister wird.

Argentinien konnte endlich die Niederlande eliminieren, wofür sie meine Unterstützung im Finale erhielten. Leider konnten sie jedoch das Spiel um Platz 3 gewinnen, während sich der Gastgeber mit dem vierten Platz begnügen musste und das Turnier ohne Medaille beendete.

Das Finale boykottierte ich absichtlich, da ich schlichtweg keine Lust hatte, es zu schauen und vertröstete meine Familie mit einer Ausrede. Ich hätte ihnen ja schlecht sagen können, dass ich hoffte, dass Deutschland verliert. Während des Halbfinals hatte ich  mich jedoch bereits kritisch geäußert, sie wussten daher, dass ich das Ergebnis nicht guthieß. Doch wie immer bei dieser WM gewann die Mannschaft, die ich nicht favorisierte. Das Gejubel meiner Schwester verriet es, und es gefiel mir ganz und gar nicht, dass Deutschland gewonnen hatte. Ich gönnte es der Mannschaft einfach nicht, die nur von Chile und der Niederlande unterboten wurden, was die Sympathie betraf. Drei Sterne sehen zudem viel besser aus als vier. Ich verzog keine Miene, als mein Vater zu mir kam und sagte, dass wir Weltmeister seien, zumal die Information unnötig war, schließlich hatte ich ihre Reaktionen gut hören können. Fakt ist, dass ich keine Minute des Spiels oder der Siegerehrung gesehen habe, außer in den Nachrichten. Ich möchte einfach nichts mehr von dieser katastrophalen WM sehen geschweigedenn an sie erinnert werden. Am liebsten würde ich sie komplett aus meinen Erinnerungen streichen, doch aufgrund Deutschlands Sieg wird das nie möglich sein. Zumindest bis zur nächsten WM.