EM 2008

Nach der Weltmeisterschaft in Deutschland ging die Reise zwei Jahre später in die deutschsprachigen Nachbarländer, Österreich und die Schweiz. Es war meine erste Europameisterschaft, die ich verfolgen würde. Neben Deutschland unterstützten wir dieses Mal auch eine weitere Mannschaft: die von Russland. Doch schon bald würde eine dritte Mannschaft dazukommen...

Wie meine Liebe für ein bestimmtes Team begann

Während Deutschland und Russland aus persönlichen Gründen auf unsere Unterstützung zählen konnten, war es für die dritte Mannschaft ein glücklicher Zufall. Doch davon ahnte ich zu Beginn der EM noch nichts.

Für Deutschland begann das Turnier früh, am zweiten Tag. Der Gegner war Polen, was für Klose und Podolski eine schwierige Situation darstellte, lagen in diesem Land ihre Wurzeln. Es war dann auch Podolski, der unseren Sieg sicherte, aus Respekt zu seinem Heimatland jedoch nicht jubelte. 

Zwei Tage später stand für Russland das erste Spiel auf dem Plan – und das ausgerechnet gegen die Mannschaft, die später die dritte auf unserer Liste sein würde: Spanien. Bei der WM 2006 hatte ich ihnen keine Beachtung geschenkt und ich kannte dementsprechend auch keinen einzigen Spieler. Ich weiß nicht mehr, wann genau unsere Unterstützung für Spanien begann. Ob es erst nach dem Spiel war oder währenddessen... Auch weiß ich nicht mehr, wie genau es passiert war, außer dass meine Schwester maßgeblich daran Anteil hatte. Sie begann plötzlich, vom Torwart zu sprechen, den sie irgendwie bemerkt hatte, und dann wurde Spanien einfach so die dritte Mannschaft, die wir unterstützten. Wie ich so war, ein Beispiel an meiner älteren Schwester nehmend, schloss ich mich ihr an. Es war eine Entscheidung, die ich nicht bereute, denn schon bald wurde Spanien zu meiner Lieblingsmannschaft. Doch anders als bei meiner Schwester lag es nicht am Torwart. Es war das erste Mal, dass ich auf einen gewissen Spieler aufmerksam wurde und ebendieser sollte drei Tore im ersten Spiel erzielen... Russland unterlag deutlich mit 4:1, doch es standen noch zwei Spiele bevor.

Unsere Niederlage gegen Kroatien war ein Schock und unser Einzug in die nächste Runde hing auf einmal am seidenen Faden. Spanien sicherte sich das Viertelfinale, wobei ebenjener Spieler mit der Rückennummer 7 für Spanien das entscheidende Tor erzielen sollte. Auch Russland konnte siegen, benötigte jedoch noch einen Sieg, um in die KO-Runde einzuziehen.

Für Deutschland stand im letzten Gruppenspiel alles auf dem Spiel. Gegen einen der beiden Gastgeber, Österreich, wurde es Ernst. Doch wie bereits die Schweiz endete das Turnier für Österreich in der Vorrunde und Deutschland schaffte es als Gruppenzweiter ins Viertelfinale. Während Spanien sich entspannt zurücklehnen konnte und dementsprechend eine B-Mannschaft aufstellte, musste Russland gewinnen, um die Runde der letzten acht zu erreichen. Die beiden Stars der Mannschaft waren es schließlich, die die Qualifikation sicherten. Spanien stand bereits vor dem dritten Spiel als Gruppensieger fest und holte sich neun Punkte, und so zogen unsere drei Mannschaften allesamt ins Viertelfinale ein. 

Deutschland eröffnete die KO-Runde mit einer Zitterpartie, die in einem knappen Sieg endete. Spektakulärer war das Spiel Russland gegen die Niederlande, an das ich mich noch sehr gut erinnern kann. Kurz nachdem das Tor zum 2:1 fiel, kündigte mein Vater ein weiteres an, woran meine Schwester jedoch nicht glaubte. Nur Sekunden später wurde sie eines Besseren belehrt, als tatsächlich das 3:1 erzielt wurde. Für mich gehört es bis heute zu einen meiner Lieblingsspiele. Als letztes kämpfte Spanien um den Einzug ins Halbfinale und ihr Gegner war der amtierende Weltmeister Italien. Fasziniert beobachteten wir die Spielweise der Spanier, die von unserem Kommentator „Triangolo“ genannt wurde (den Begriff „Tiki Taka“ kannte er damals wohl noch nicht. Wir übrigens auch nicht.) Entschieden wurde das Spiel durch ein Elfmeterschießen, das zu unserer Freude Spanien gewann. Drei der vier Halbfinalisten waren die Mannschaften, die wir unterstützten. Dabei kam es zur Neuauflage des ersten Gruppenspiels der Gruppe D zwischen Russland und Spanien. 

Zunächst jedoch wollte Deutschland das Finale erreichen. Das Spiel begann mit einem Schock, als die Türkei in Führung ging. Gegen Ende der regulären Spielzeit stand es dann unentschieden und alles deutete auf Verlängerung hin. Kurz vor der Nachspielzeit gelang uns dann doch der entscheidende Treffer und wir zogen ins Finale ein.

Das Spiel Russland gegen Spanien 2.0 war auch ein Duell meiner Schwestern, die beide jeweils Augen für einen Torwart hatten. Was mir in Erinnerung geblieben ist, war der plötzlich eintretende Regen während des Spiels, womit die Russen überfordert zu sein schienen, die nassen Rasen wohl nicht gewohnt waren. Die Spanier kamen mit dem Regen besser zurecht und erzielten dann auch Tore. Damit stand der Gegner für Deutschland fest: Spanien. Ich befand mich in einem wahren Zwiespalt. Natürlich würde ich mich über unseren Sieg freuen. Allerdings hatten wir schon so oft gewonnen, und den Spaniern gönnte ich es auch. Vielleicht sogar mehr als uns...

Enttäuschend war, dass eine gewisse Nummer 7 nicht mitspielte. Aber das hatte seine Gründe, und trübte meine Stimmung nicht. Unsere Gegner gingen in Führung – und ehrlich gesagt hatte ich kein Problem damit. Insgeheim hoffte ich, dass es so bleiben würde und wir keinen Treffer erzielten. Und so kam es auch. Spanien gewann – und ich freute mich wirklich aufrichtig für sie. Ich glaube sogar, ich drückte mehr Spanien als uns die Daumen. In diesem Turnier wurde ich erstmals zur Verräterin – und es würde nicht das letzte Mal sein...